Einführungsrede_Ausstellungseröffnung   - every which way -  15.11.2016 

Dr. Stefan Hartmann, Uni Augsburg

 

Liebe Beate, meine sehr geehrten Damen und Herren, ich freue mich sehr, heute Abend diese kurze Einführung in die aktuelle Ausstellung halten zu dürfen.

 

Die Galerie Beate Berndt wurde vor 3 Jahren eröffnet. Ist nach einem solch relativ kurzen Zeitraum eine Retrospektive überhaupt angebracht, mag man sich fragen. Durchaus, denn in dieser Zeit fanden bereits 11 Ausstellungen ebensovieler KünstlerInnen statt. Die Galerie hat sich zu einer festen Größe im Kulturleben der Stadt – und darüber hinaus – entwickelt, wie ja nicht zuletzt Sie durch Ihre Anwesenheit belegen.

 

Every which way – das bedeutet natürlich kreuz und quer, in alle Richtungen. Als ich den Titel in Verbindung mit dem Wort Retrospektive zum ersten Mal gelesen habe, musste ich sofort an den Song „My Way“ denken, der durch Frank Sinatra berühmt wurde. Die Assoziation zu diesem melancholischen Lied ist aber gänzlich falsch. Es geht hier nicht um einen Rückblick auf ein abgeschlossenes Kapitel. Es geht um ein Innehalten, eine Überschau der bisherigen Entwicklung, die zugleich ein Ausblick auf die Zukunft ist. 

 

Every which way – das passt auch zur Art der Präsentation. Anstelle einer minimalistischen Anordnung einzelner Werke einer Künstlerin oder eines Künstlers, sehen sie hier eine relativ dicht gedrängte, offenbar durch und durch heterogene Ausstellung. 

 

Die heute verbreitete Hängung ist ein ‚Kind‘ der Moderne. Sie entstand als Gegenreaktion auf die Praxis, die Wände privater Wohn- und Ausstellungsräume mit Gemälden regelrecht zu tapezieren, wobei keine Wandfläche mehr übrig blieb. Wahrscheinlich kennen Sie in diesem Zusammenhang den Begriff „Petersburger Hängung“. Dies ist, am Rande bemerkt, kein etablierter Fachbegriff der Kunstgeschichte. Es war ein Künstler, der ihn in den 1980er Jahren geprägt hat: Martin Kippenberger. 

Die reduzierte Präsentationspraxis der Moderne hat sicher Vorteile: Werke, die auf Augenhöhe und mit großem Abstand gehängt werden, kann der Betrachter problemlos separat voneinander wahrnehmen. Sie ‚stören‘ sich nicht gegenseitig. 

So bewährt eine solche Hängung ist, so werden Sie sicher auch den Reiz der hier praktizierten Lösung erkennen: Werke müssen sich nicht gegenseitig ‚stören‘, es muss nicht zur Kakophonie kommen. Die Ausstellung ist gleichermaßen polyphon, gibt allen KünstlerInnen eine ‚Stimme‘, ohne Dissonanzen zu erzeugen. Spannungen entstehen auf jeden Fall, aber diese werden durch sorgfältig durchdachte Nachbarschaften in ein großes Ganzes überführt.  

 

Dabei sind die Werke denkbar vielfältig in Hinblick auf Materialien, Plastizität, Texturen, Techniken und Farbigkeit, auf den Umgang mit Licht und Schatten, auf Ungegenständlichkeit und Abstraktion. Trotzdem ‚funktioniert‘ die Ausstellung, weil es Korrespondenzen gibt.  

So finden sich etwa die weißen Reliefs von Reinhard Gupfinger, die ephemere Stimmen von Glaubensgemeinschaften visualisieren, in Nachbarschaft zu einem zarten, vielschichtigen ‚Rastergemälde‘ von Celia Mendoza. 

Daneben hängt ein Werk von Simone Distler, in dem sich eine dunkle, gestisch aufgebrachte Farbpartie mit einem zart-pastellig ‚wolkigen‘ Bereich zur Andeutung einer surrealen, kraterartigen Landschaft ergänzen. 

An dieser Wand zeigt sich exemplarisch ein fein ausbalanciertes Spiel von Korrespondenzen und Gegensätzen. Das betrifft die Farbigkeit, die Dimensionen und die Kompositionen. Darüber hinaus aber eröffnen alle diese Werke einen eigenen Raum: einen Raum der Kunst. Ob durch die Suggestion einer Naturstimmung, durch die vielfache, kalkulierte Überlagerung von Streifen oder durch die rhythmische, dreidimensionale Visualisierung eines sprach- und klangerfüllten Raums des Glaubens – stets werden Räume jenseits des Galerieraums eröffnet. 

Raum, oder Zwischenräume, eröffnet auch das relativ großformatige Gemälde von Bernadette Jiyong Frank. Aus unzähligen, mit großem Zeitaufwand präzise aufgebrachten, semitransparenten Farbschichten entstehen „Spaces in Between“, die konzeptuell auf das Verhältnis von Zeit und Raum rekurrieren. 

Nicht minder räumlich sind Rainer Kaisers kleinformatige Grafiken, auf denen Überlagerungen in Mischtechnik einen räumlichen Effekt erzielen. Zudem eröffnen die archaisch-chiffrenhaft anmutenden Darstellungen Raum im übertragenen Sinne – nämlich Raum für individuelle Assoziationen. 

 

Wechseln wir nun zum ersten Raum der Galerie. An dessen Stirnseite werden Arbeiten von Udo Rutschmann, Celia Mendoza, Simone Distler, Norbert Kiening und Akiko Tomikawa präsentiert. Das expressive Gemälde Norbert Kienings weist einen intensive Farbigkeit und ein starkes Relief auf. Daneben hängt eine kleinformatige, lammellenartige Papier-Arbeit von Akiko Tomikawa. Insgesamt wirkt das Papierobjekt natürlich wesentlich leichter, fragiler als das relativ großformatige Gemälde. Andererseits ist die Plastizität gegenüber Kienings Arbeit drastisch gesteigert, durch das gefaltete Papier entstehen starke Licht und Schatten – Effekte, die sich nicht zuletzt in Bezug auf den Betrachterstandpunkt verändern. Zugleich setzt die lineare Strenge einen Gegenpol zum gestisch-dynamischen Farbauftrag. In Hinblick auf die Farbigkeit findet sich dann der gelbliche Ton des Papiers im Gemälde wieder. 

Ein solches Wechselspiel von Gegensätzen und Korrespondenzen bestimmt die ganze Ausstellung. auf die ich noch gleichsam einige Schlaglichter werfen möchte:

Udo Rutschmanns großformatige, monochrom weiße Keramikplatte mit organischen Formen ist sozusagen das Ergebnis eines ‚orchestrierten‘ Zufalls. Seine linearen, querformatigen Grafiken wirken demgegenüber wie die Aufzeichnungen eines Seismographen, wodurch sie nicht nur einen Gegenpol zur Keramikplatte und zur starken Präsenz von Kienings Gemälde bilden, sondern sich auch eine Verbindung zu Reinhard Gupfingers Reliefs ergibt.

Die Metall-Arbeiten Bernd Rummerts weisen zu Teilen eine kühle, technoide Materialästhetik auf, die mit der Oberfläche von Rutschmanns Keramikplatte korrespondiert. Teilweise wirken die aus Drähten oder Plättchen hergestellten Werke aber auch leicht und fragil, wie Ergebnisse natürlicher Prozesse auf Basis organischer Materialien. Zugleich regen sie die Fantasie an – man möchte sie unwillkürlich berühren, sie verändern, mit ihnen ‚Spielen‘.  

 

Die Grafiken Anna Ottmanns setzen einen anderen Akzent: Die reduzierte, mit wenigen, präzisen Strichen konturierte Körperlichkeit der Akt-Darstellungen verlangt ein genaues Hinsehen. Die Grafiken sind zart wie die Papierarbeit Tomikawas, dynamisch wie das Gemälde Kienings, bestimmt von organischen Formen wie die Reliefs Gupfingers und deuten ‚Körperlandschaften‘ an, womit sich ein Bezug zu Simone Distlers Werken ergibt. Die ‚weiche‘ Tonalität des Papiers passt gut zur Auseinandersetzung mit dem menschlichen Körper. Hierbei treten Papierton und Darstellung unter anderem in Dialog zu Rutschmanns linearen Grafiken und zu Tomikawas Papierarbeit. 

 

Damit möchte ich es mit der Betrachtung der Werke bewenden lassen. Nehmen Sie es mir nicht übel, wenn ich nicht auf alle Künstler und Werke genauer eingehen kann. Das wäre ein ziemlich langatmiges und ermüdendes Unterfangen. Sehen und Entdecken Sie besser selbst in Ruhe die vielfältigen Bezüge und Spannungen, die Korrespondenzen und Gegensätze, die Spezifika und Qualitäten der einzelnen Werke und die Dialoge, in die sie hier treten. 

 

Bevor ich zum Ende komme, muss ich aber noch auf eine Künstlerin hinweisen, die ich bislang nicht erwähnt habe: Beate Berndt. Sie selbst hat gesagt: Ich vergesse mich immer. Das darf natürlich nicht passieren, zumal einige ihrer Arbeiten auch hier präsentiert werden. Heute allerdings steht Beate Berndt als Galeristin im Zentrum. 

In diesem Zusammenhang habe ich mich gefragt, ob es einen ‚roten Faden‘ gibt, der die Ausstellungen der vergangenen drei Jahre miteinander verbindet und der sich auch in der aktuellen Präsentation findet. Tatsächlich handelt es sich nicht um einen Faden, sondern um etwas Substanzloses, das aber ungemein wichtig ist. Es ist eine Atmosphäre – eine Atmosphäre der Kunst. 

„Ich möchte eine bestimmte Atmosphäre hier“ hat Beate Berndt am Sonntag bei der Hängung gesagt. Der Begriff der Atmosphäre wurde vor einiger Zeit von der Philosophie adaptiert. Er hat nur insofern etwas mit dem Wetter zu tun, als auch dadurch bestimmte Atmosphären erzeugt werden können – denken Sie an triste, neblig-verregnete Novembertage (wie wir sie im Moment zur Genüge haben) oder einen sonnigen Frühlingstag (auf den wir uns sicher alle schon freuen). 

Atmosphären gibt es überall, etwa in Fußballstadien, in Kirchen oder auch nachts in einem einsam gelegenen Wartehäuschen. Sie beeinflussen unsere Stimmung. Natürlich muss man sich auf die Atmosphäre einlassen, muss die Galerie betreten. Ein schneller Blick durchs Fenster genügt nicht. Atmosphäre will leiblich gespürt werden. Wenn nicht gerade eine Veranstaltung stattfindet, herrscht hier eine ruhige, beinahe kontemplativ-meditative Atmosphäre – trotz des Verkehrs und der Betriebsamkeit vor den Fenstern. Dies ist ein Gegenentwurf zur Hektik und zu den Zerstreuungen des Alltags. 

Man mag an Walter Benjamins Begriff der Aura denken, also an die Ergriffenheit des Betrachters angesichts der Präsenz eines einmaligen Kunstwerks. Die Konnotationen von Aura erscheinen mir aber zu abgehoben, um den Begriff hier verwenden zu wollen. Daher sage ich einfach: Kunst lebt vom Betrachter, mit dem Betrachter und für den Betrachter. Sie eröffnet eine Gegenwelt, sie erzeugt eine eigene Wirklichkeit, in der die Realität auf vielfache Weise verdichtet, gespiegelt, analysiert, aufgespalten oder auch ausgeklammert sein kann. Sie transportiert uns aus dem Alltag, ohne dass wir große physische Anstrengungen unternehmen müssten. 

Diese Möglichkeiten bieten die Ausstellungen in der Galerie Berndt – wenn man sich Zeit nimmt, das Handy wegpackt, sich auf die Atmosphäre einlässt. 

 

Liebe Beate, ich wünsche Dir – und natürlich uns allen – viele weitere Jahre Erfolg bei der Wahrung bzw. Schaffung dieser Atmosphäre, die sich bei Gelegenheiten wie heute in freudig-kommunikative Situationen verwandelt. Denn auch das gehört zur Kunst. 

 

                             Stefan Hartmann