Simone Distler - Werke                          Ausstellungen                               CV                           Text                           Presse

Simone Distler über ihre Werke

 

Ich gehe von einer Wirklichkeit aus, die sich in einem Spannungsfeld befindet zwischen dem, was wir kennen, und dem, was wir nicht kennen; zwischen einer sichtbaren Realität und einer unsichtbaren; zwischen einem materiellen Sein und einem geistigen. In der Erfahrung, dass beide Welten gleichzeitig die Wirklichkeit bilden und sich im Grunde gegenseitig durchdringen, entsteht eine Sehnsucht danach, dieses Bewusstsein zu intensivieren.

 

Ich empfinde das Heute oft als laut und schnelllebig und suche darum im Bild die Erinnerung an das Übersehene und Unscheinbare. Ich kann durch die Welt rauschen und mich ihr angleichen, aber ein Innehalten in allem hektischen Treiben passiert nicht von alleine. Es kostet einen geradezu immensen Kraftaufwand, sich der Vereinnahmung der Welt für eine Weile zu entziehen. In dem Sinn hat die Sache etwas Aktives und setzt ein Wollen voraus, weil das eigene Innere nicht von alleine schweigt. Innehalten heißt für mich u. a. mein oberflächliches und unaufmerksames Denken und Fühlen aufzubrechen. Es kann auch heißen, dass ich das Zuviel hinaus werfe und mich besinne auf ein Wesentliches. Diese Suche nach der Stille, hat manchmal etwas Unbequemes an sich oder sogar Schmerzhaftes, denn nicht selten bedeutet dies Widerstände zu überwinden, Pläne oder Vorstellungen loszulassen, die enorm bedeutsam schienen. Im Bild suche ich zum Teil genau diese Erfahrung, den Moment, der die Bequemlichkeit durchbricht, der meine Kontrolle in Frage stellt und den Blick erweitert. Zugleich will ich bestätigt und getröstet werden, will erinnert werden an verinnerlichte Werte und Hoffnung.

 

Natur berührt mich in meiner menschlichen Existenz, weil sie mich mit etwas Lebendigem und Grundlegendem verbindet. Ich verwende die Natur im Bild, da sie mit mir über das Geheimnis Leben spricht. In ihr finde ich jenes Spannungsfeld wieder, das sich trotz aller scheinbaren Gegensätzlichkeit, in Balance befindet. Ich brauche das Nahe, Vertraute und Bewohnte, wie auch das Seltsame, Undurchdringliche, Abrupte und Fremde.a Etwas zeigt sich, etwas verbirgt sich; etwas erscheint, etwas verschwindet; es ist nah und fern; laut und leise. Diese Korrelation erzeugt die grundlegende Dynamik meines künstlerischen Schaffens. Im Bild gibt es diesen schmalen und zugleich tiefen Grenzbereich der Berührung. Der Widerspruch von Begreifen und Erfahren macht es möglich, Verborgenes zu repräsentieren. Was ich im Grunde suche, sind Öffnungen, die Bilder von der sichtbaren in jene verborgene Welt führen, um meine Wahrnehmung zu differenzieren. Was gezeigt ist, mag erkannt, sortiert, verstanden und eingeordnet werden und wird in eben dem gedachten Moment verschwinden, sich entziehen und widerlegen. Es schiebt sich immer erinnerte Wirklichkeit ins Betrachten, und so wird mir jedes Bild zu einer Denklandschaft. Dieser Begriff stammt von Otl Aicher.2 Er beschreibt damit Erfahrungen des Wüstenwanderns. Ich finde dies trifft sehr gut, was auch beim Malen und Bildbetrachten geschieht, denn man geht nicht nur zwischen Farben und Formen, sondern man geht auch in seinem eigenen Denken umher. Im Gehen verändert sich die Landschaft. Es verändert sich auch der Gedankenhorizont. Das Auge zieht es mal hier, mal dort hin, und so treiben auch die Gedanken. Manche wirft man als Entwürfe hinaus, andere verdichten sich.

Ein wichtiges Merkmal meiner Arbeit ist der malerische Gestus. Ich verstehe die Geste als eine Notwendigkeit, um eine sich oft einnistende Starrheit zu durchbrechen. Gleichzeitig ist mir klar, dass die Geste, durch die dem Bild innewohnende Statik und Ruhe am meisten lebt. Ich erzeuge die Spannung von gegenständlicher und abstrakter, also materieller und geistiger Wirklichkeit, aber nicht um ihre Trennung zu betonen, sondern ihr Verbundensein. Denn es findet ein ineinander Übergehen statt, ein Wechsel der Bedeutungshorizonte. Es geht mir nicht um ein völliges Gleichgewicht, wohl aber um jenen Prozess des Übergangs, der Räume durchlässiger werden lässt. Die Geste besitzt eine Qualität der Unschärfe und stört vielleicht unsere Erwartung, aber ermöglicht stattdessen etwas Zusätzliches. Sie wird zu einer Spur, die auf etwas verweist, weil das angesetzte Zeichen aber nicht ausformuliert ist, sondern offen bleibt, spürt man, dass Etwas fehlt. Aus der Landschaft und aus der Materialität der Formen lösen sich neue Dimensionen heraus, die nicht länger bestimmte Bedeutungen vorgeben, sondern selbst Sinn ermöglichen. Die Erfahrung des Wandels führt den Betrachter immer wieder in diesen Bereich des Sich-Zeigens zurück. Die Gleichzeitigkeit von z.B. Schatten und Licht, oder von Fülle und Auslassung, nährt die Wahrnehmung mit den notwendigen Impulsen. Es wird klar, dass es kein Ende des Sich-Zeigens geben wird. Ich bleibe im Zustand der Erwartung. Auf rätselhafte Weise regt das Bild zur Suche an, ohne sich jedoch zu enthüllen.

 

 

 

 

(1) Gernot Böhme, Anmutungen über das Atmosphärische, (Arcaden) Ostfildern vor Stuttgart: Ed. Tertium, 1998, S. 32

(2) Otl Aicher, Gehen in der Wüste, S.Fischer Verlag GmbH, Frankfurt/Main 1982, S. 7: „die wüste ist eine denklandschaft.

man geht nicht nur zwischen dünen, man geht auch in seinem eigenen denken umher, man macht gedankengänge. im gehen verändert sich die landschaft von bild zu bild.

es verändert sich auch der gedankenhorizont. das auge zieht es mal hier, mal dort hin, auch die gedanken wildern umher. man wirft sie hinaus, als entwürfe.“

(a, b) Vgl. (a) S. 219 (Polaritätsdynamik), (b) S. 128 (Zustand der Erwartung) und S. 196 (Herauslösen einer geistigen Dimension); François Jullien,

Das große Bild hat keine Form, Wilhelm Fink Verlag, München, 2005