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Inkubatoren

Selbst. Welt. Speicher

 

Weisse Keramikkörper an der Wand, hochrechteckig, paarweise angeordnet. Sie sind von angenehmer Grösse, jeweils knapp einen Meter hoch, etwas über einen halben Meter breit. Solide Objekte, offensichtlich gebrannt, mit glänzender Oberfläche. Sanfte Erhebungen oder Vertiefungen formen Reliefstrukturen. Keine vordergründige Erzählung. Die dickleibigen Tafeln von Udo Rutschmann haben etwas Beiläufiges, sie schmeicheln sich - ohne anbiedernd zu sein - in die Wahrnehmung.

 

 

Mit unaufdringlicher Präsenz behaupten sie ihr Dasein. Durch die Reduktion auf Weiss und die Vermeidung sichtbarer händischer Eingriffe, bleibt der Blick frei, auch wenn die Beschaffenheit der Oberflaechen ein breites Spektrum an Assoziationen eröffnet. Landschaften entfalten sich. Vulkanische Kegel und flache Krater, tropfsteinartige Erhebungen, kleine Becken. An Blütenstände und Blattformen lässt sich denken.

 

An Körper auch, vor allem der Unregelmässigkeiten wegen. Die gedanklichen Verknuepfungen lassen sich freilich nicht festhalten. Zu flüchtig die Formen. Das Bedürfnis, die Platten anzufassen, ist hoch. Die feine Kühle und die rauen Wölbungen wollen erspürt sein.

 

Aber was ist da nun eigentlich ins Keramische transformiert worden? Ein Schmelzprozess offenbar, Tropfen, Flüssigkeitsverläufe werden erkennbar. Der reinen Ästhetik der Endprodukte ist ein langer Umwandlungsprozess eingeschrieben, bleibt aber ohne die Kenntnis der Entstehung nicht rekonstruierbar. Mit einfachen Materialien aus dem Baumarkt schafft sich der Künstler eine Art Brutkasten: Eine Kiste aus Holzfaser-Platten präpariert er am Boden mit Glühbirnen, Kabel, Steckerleiste und Luftlöchern. Statt eines Deckels schliesst er seine Incubatoren mit massiven Wachsplatten ab. Und schaltet den Strom ein.

 

Es tut sich lang nichts. Langsam nur erhitzt sich die Luft in der Kiste. Wird heiss, will raus, die schwere Wachsschicht gibt an den heissesten Stellen nach, es tropft auf die Lichtquellen, es dampft, stinkt, zischt. Ein Bubenspaß! Ein physikalisches Experiment? Ein Versuch, Zeit und Energie in Form, ins Bild zu bringen. Kalkül ist im Spiel. Rutschmann will nicht den Prozess ausstellen, er zeigt seinen künstlerischen Eingriff. Er bestimmt, wann sein selbst konstruierter Schöpfungsprozess ein Ende findet.

 

Als stecke er sich damit gleichzeitig sein eigenes Handlungsfeld ab, umkreist er die reliefierten Erinnerungslandschaften. Das Wachs formt er in Gips ab. Die Gipsplatten dienen der Transformation in Keramiken. Der handwerkliche Charakter der Gipse wird überführt in die kühle Anmutung der gebrannten Wandkörper. Durch eine vor dem endgültigen Brennvorgang aufgetragene hauchdünne Porzellanschicht ehalten sie ihre feine Helligkeit.

 

Die zweifache Abformung - die ursprüngliche Wachsplatte spiegelt sich im Gipsnegativ, dieses wiederum abgeformt gleicht als Positivform der Ausgangsplatte - und die paarweise Praesentation beider Zustände geben einerseits Einblick ins 

bildhauerische Handwerk. Und sie eröffnen Raum. Das Hin- und Hergleiten des Blickes hält Wahlmöglichkeiten offen, hält den Geist in Bewegung. Das wilde alchemistische Treiben in den Rutschmann´schen Brutkästen ist beim Anblick der reduzierten Zurückhaltung des ornamentalen Endprodukts schließlich eine nurmehr zu erahnende Dimension.

 

In den Brutkästen - Incubatoren - schafft der Künstler sich sein Stück Welt, das ihm als zentrierende Schwerkraft erlaubt, in Ruhe weitere Kreise zu ziehen.

 

Text: Birgit Höppl MA